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Über meinen Besuch auf der ViniVeri vom 5. bis 7. April in Cerea habe ich ja schon berichtet. Im selben Monat war ich jedoch noch auf vier weiteren Weinmessen: auf der Vinitaly vom 6. bis 9. April in Verona (einen Tag), auf der Wein-Plus Convention am 12. und 13. April in München (beide Tage), auf der Wein am Main am 26. und 27. April in Frankfurt (einen Tag) und auf der VDP-Weinbörse am 27. und 28. April in Mainz (beide Tage).

Angesichts dieser großen Zahl an Veranstaltungen und der unbezwingbaren Fülle an Anbietern und Weinen war Planung oder zumindest Begrenzung erforderlich, das heißt: eine mehr oder weniger gezielte Auswahl der Aussteller, die ich besuchen wollte. Dabei ging ich nicht so restriktiv und zeitgebunden vor wie auf der ProWein Ende April, denn ich hatte auf keiner der genannten Messen feste Termine. In den meisten Fällen kam ich so in den Luxus, mich gewissermaßen durch die Hallen und Säle treiben zu lassen und meiner Intuition oder spontanen Empfehlungen zu folgen. Allein auf der VDP-Weinbörse hatte ich eine Vorstellung davon, wessen Weine ich unbedingt probieren wollte; doch der Reihe nach...

Parforce-Ritt durch Italien: Vinitaly

Auf der Vinitaly (4.100 Aussteller, 155.000 Besucher) war ich das erste Mal und hatte den Vorteil, dass ich von einem italophilen und italienischsprachigen Freund begleitet wurde, der die Messe seit zig Jahren kennt. Er führte mich strammen Schrittes durch etliche Hallen zu ausgewählten Produzenten, deren Weine er mir vorstellen wollte. Das war sehr interessant und verschaffte mir zwar keinen Überblick, aber wertvolle punktuelle Entdeckungen, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Ich selbst hatte als Ziel nur, mich ausführlich im Aostatal umzuschauen und durchzuverkosten, weil ich aus dieser Region in den vergangenen Jahren einige äußerst reizvolle Weine probiert hatte und jetzt die Gelegenheit nutzen wollte, die Weinqualität im Gebiet insgesamt besser kennenzulernen. So brachten wir im Areal des Valle d‘Aosta allein etwa zweieinhalb Stunden zu – die sich sehr lohnten.

Folgende Weingüter haben mich auf der Vinitaly besonders beeindruckt:

Engagement in eigener Sache: Wein-Plus Convention

Die Wein-Plus Convention (120 Aussteller, 5.600 Besucher) war die zweite ihrer Art und die erste in München. Sie fand in der Alten Kongresshalle an der Theresienwiese statt, und Aussteller- und Besucherzahl übertrafen die der erfolgreichen Premiere im November 2013 in Frankfurt noch einmal deutlich.

Verena Wyss und Ferdinand Graf von ThunHier überließ ich das Verkostungsfeld den Messegästen. Stattdessen unterstützte ich das Orga-Team bei der Ausstellerbetreuung und leitete drei Workshops im Rahmenprogramm: zwei Seminare zum Thema Biowein und eine Degustation von vier Rotweinen aus unseren beiden letzten Verkostungspaketen. Aufgrund meiner Vorliebe für das Land schaute ich nur einmal bei den beiden französischen Weingütern Domaine du Comte de Thun aus dem Südwesten und Domaine Verena Wyss aus dem Languedoc vorbei und freute mich sehr, dass Ferdinand Graf von Thun und Verena Wyss sich als Stand- und gewissermaßen Regionsnachbarn prächtig verstanden.

Eine bewegende Begegnung war auf der Convention die mit Petra Meyer, der Witwe von Sommelier Rüdiger Meyer, der vor einem Jahr einen tödlichen Verkehrsunfall hatte. Wir trafen uns jetzt erstmals persönlich, und Petra berichtete, sie und auch ihr Sohn hätten die Geschehnisse von damals inzwischen recht gut verarbeitet, und sie stünden in freundlichem Kontakt zu den Familien der anderen Unfallopfer. Das war eine durchaus beruhigende Nachricht angesichts der Hintergründe.

An der Basis: Wein am Main

Die Wein am Main (70 Aussteller, 3.200 Besucher) fand in diesem Jahr zum neunten Mal statt und ist vor zwei Jahren vom Bockenheimer Depot in das Casino auf dem Campus Westend der Frankfurter Universität gezogen. Sie ist eine reine Verbrauchermesse, und unter den Besuchern waren viele Wein-Einsteiger (erkennbar an den Fragen gegenüber den Winzern) mit geringer Messeerfahrung (erkennbar am Verhalten an den Ständen). Entweder wurde eher wahllos probiert oder selektiv gesucht (vornehmlich kräftiger Rotwein oder Wein mit geringer Säure), und nur wenige Gäste nutzten die bereit stehenden Spuckbehältnisse. Qualitativ war das Weinangebot eher Mittelklasse, aber damit absolut publikumsgerecht.

Zwei Entdeckungen machte ich dennoch: zum einen das Pfälzer Weingut Gehrig, das neben sehr überzeugenden Sauvignon Blancs und äußerst anständigen Pinot Noirs auch einen guten 2013er Riesling namens „Ein PS“ anbot (der Weinberg mit 40 Jahre alten Reben wird in Handarbeit und mit einem Pferd bewirtschaftet); zum anderen die Offenbacher Weinhandlung La Vineria, deren spanisches Sortiment eine ganze Reihe eigenständiger Weine mit großer Trinkfreude zu sehr attraktiven Preisen bietet (etwa Uncastellum Rosé 2013 von Bodeags Uncastellum, Menguante Garnacha Selección 2010 von Bodegas Pablo oder Heredad 1874 Crianza 2010 von Bodeags Alvar).

Suche nach der Jahrgangsbotschaft: VDP-Weinbörse

Leere Flaschen reiferer Weine von Künstler, Dönnhoff und Drautz-AbleAuf der VDP-Weinbörse (180 Aussteller, 2.200 Besucher) traf sich an zwei Tagen in der Mainzer Rheingoldhalle wieder einmal die internationale Wein-Fachwelt, um zu ergründen, wie denn „der Jahrgang 2013“ bei den VDP-Weingütern (und damit dem größten Teil der Spitzenerzeuger in Deutschland) ist. Ich selbst bin nicht mit diesem Anspruch auf die Veranstaltung gegangen, denn erstens halte ich von pauschalen Aussagen über Jahrgänge nicht viel – da gibt es viel zu viele regionale und betriebsindividuelle Unterschiede –, und zweitens kommt man bei einem solchen Verkostungsmarathon (1.200 Weine standen bereit) ohnehin nie zu verlässlichen Ergebnissen, zumal die allermeisten Weine noch viel zu jung waren, um sie abschließend beurteilen zu können.

Ich versuchte daher nicht, in der gegebenen Zeit möglichst viele Produzenten aufzusuchen und möglichst viele Weine zu probieren, sondern ging gezielt zu den Winzern, die ich persönlich kenne und/oder deren Weine mich interessierten. Insgesamt waren das nur etwas mehr als 20, und es ergab sich ein Wechsel zwischen straffer Verkostung ausgewählter Gewächse ohne große weitere Interaktion sowie längerer Degustation des kompletten vorgestellten Sortiments mit ausführlichem Gespräch.

Zusammenfassend kann ich folgende Erkenntnisse festhalten:

  • Als überragend – mindestens in der Pfalz – präsentierte sich Reichsrat von Buhl. Die neue, modernere Flaschenausstattung ist sehr ansprechend und aufgeräumt, greift aber auch auf bekannte grafische Elemente zurück. Die Weine sind im Stil durchgängig so geschliffen und saftig, wie ich es woanders selten erlebt habe.
  • Im Rheingau führt wieder einmal Peter Jakob Kühn das Feld an. Auch er hat die Flaschenausstattung modernisiert, bleibt aber seiner Linie gestalterisch treu und überzeugt mit charaktervollen Weine von großer Tiefe und Klarheit. In diesem Jahr gibt es auch wieder einen Kühn R – einen Riesling des Jahrgangs 2012 vom Oestricher Doosberg mit 8,5 Gramm Restzucker pro Liter.
  • Darüber hinaus habe ich im Rheingau die Hochheimer Weine von Domdechant Werner und Künstler gegeneinander verkostet. Von Domdechant Werner gefiel mir der Kirchenstück Goldkapsel Riesling trocken 2013 besser, von Künstler der Domdechaney Riesling trocken 2013, wobei beide Erzeuger die jeweiligen Lagenunterschiede gut herausgearbeitet haben. Eine sehr spannende Neuentdeckung bei Künstler war davon abgesehen der Weiß Erd Riesling GG 2012 aus der völlig unbekannten Spitzenlage in Kostheim, die ich künftig genauer beobachten werde.
  • Drei Flaschen Riesling 2013 von GroebeEinen der besten Ortsweine des neuen Jahrgangs hat zweifellos Groebe mit seinem Westhofen Riesling trocken 2013 gekeltert. Das erkannten neben mir auch zahlreiche andere, denn der Wein war bereits Montag Nachmittag auf der Messe nicht mehr verfügbar, und viele Kommentare auf Facebook im Nachgang zur Weinbörse hoben den Wein ebenfalls hervor. Besonders bemerkenswert waren auch Groebes Kirchspiel Riesling Spätlese 2013 und Aulerde Riesling Auslese 2013.
  • Für Scheurebe hatte ich unter den Produzenten zwei eindeutige Favoriten: einerseits Minges aus der Pfalz und andererseits Wirsching aus Franken.
  • Wie immer habe ich mich gefreut, dass einige Weingüter auch gereiftere Jahrgänge mitgebracht hatten – diesmal unter anderem Geltz-Zilliken Rausch Riesling Spätlese 2003, Drautz-Able Riesling Auslese 2005 und Graf Adelmann Herbst im Park 2007 sowie Lemberger Der schwarze Löwe 2007.
  • Insgesamt lässt sich sagen, dass sich die Großen Gewächse von 2012, die ich nun mit einem Abstand von einem halben Jahr erneut probierte, exzellent entwickelt haben – man darf sehr zuversichtlich sein, was das Reifeverhalten dieser Spitzenweine betrifft.

Neben der intensiven Verkostung diente die Weinbörse natürlich auch wieder dem Austausch mit vielen Bekannten und Kollegen aus der Branche; unter anderem traf ich Journalisten und Autoren wie Harry George, Albert de Jong und Stephan Reinhardt, Weinhändler wie Jens HolzkämperBernd Klingenbrunn und Armin Busch sowie Karl Kerler und Marco Sittig, Gastronomen wie Kai Buhrfeindt, Weinberater wie Harry H. Hochheimer und auch Medienschaffende wie Emily AlbersAxel Gross und Andreas Durst.

Der Traubenadler auf Reisen: Ball des Weines

Als zweite traditionelle Frühjahrsveranstaltung des VDP fand am Wochenende nach der Weinbörse – nämlich am 3. Mai – der Ball des Weines im Kurhaus in Wiesbaden statt. Unter dem Motto „Der Traubenadler auf Reisen“ verbrachten wir einen stimmungsvollen, festlichen Ballabend mit einem kosmopolitischen Drei-Gänge-Menü, einer Vielzahl guter Weine, angeregter Unterhaltung, Musik und Tanz. Auch hier gab es einige berichtenswerte Weinerlebnisse:

  • Der Aperitif wurde dem Anlass nicht gerecht: ein eher anspruchsloser, banal-restsüßer Rosé-Sekt. Zur Ehrenrettung der VDP-Winzer muss allerdings gesagt werden, dass dieser Sekt von einem Sponsor beigesteuert wurde.
  • Steinberger Riesling Beerenauslese 1964 von den Staatsweingütern EltvilleEiner der herausragendsten Weine des Abends war der Aulerde Riesling GG 2012 von Groebe, der zum Menü gereicht wurde. Zwar passte zur Vorspeise – Flusskrebse in Dill-Vinaigrette, Gewürzlachs mit Ingwer-Orangen-Schaum, Orangen-Chili-Sorbet – noch besser der Heller Berg Silvaner G 2012 von Roth, aber Groebes Großes Gewächs vereinte trotz seiner Jugend Ernsthaftigkeit und Trinkspaß auf sehr hohem Niveau und war in unserer Tischgesellschaft der unangefochtene Liebling; er machte sogar zum Hauptgang – Rinderschulter, Artischocken-Bohnen-Gemüse, Macadamianüsse, Kartoffelwürfel – eine gute Figur, wenngleich sich dazu als optimaler Begleiter der Scheuerberg Spätburgunder GG 2007 von Drautz-Able erwies.
  • Ein seltener Genuss waren wieder die Raritäten, diesmal vor allem der Steinberger Riesling Beerenauslese 1964 von den Staatsweingütern Eltville (geradezu jugendlich, sehr fein und nachhaltig, geprägt von Kräuter- und Orangenaromen) und der Altenberg Riesling Spätlese 2006 von von Othegraven (keinerlei Alterserscheinung, dafür betörende Finesse).

Der Ball des Weines ist das gesellschaftliche Ereignis der deutschen Weinwelt schlechthin – und dass er in diesem Jahr nicht am Vorabend der Weinbörse stattfand, machte den folgenden Tag deutlich entspannter.